Advent 2020

Türen

Als ich mich für dieses Thema entschied, nämlich im frühen Herbst, war es noch längst nicht so sinnig, wie es nun in der Adventzeit ist.
Türen zu öffnen, symbolisch, bietet immer einen neuen Blick, entweder hinein oder hinaus…

24       Weihnachtstür

Fröhliche Weihnachten! Gesegnete Weihnachten!

Meine Weihnachtstür steht offen.
Da liegt das kleine Kind, das aller Leben verändern kann.
Jedes Neugeborene verändert das Leben derjenigen, zu denen das KIND gehört.
Diese Veränderungen können einschneidend sein, manchmal die Grenzen auslotend, was man schafft. Und dann wiederum kann ein Kind das Herz sprengen vor Glück und Freude, – man gäbe keins dieser Himmelsgeschenke her! Um nichts in der Welt.

Die Geburt Jesu verändert unser aller Leben, wenn WIR zu ihm gehören.
An uns liegt es, in diesem kleinen Kind die Zukunft zu sehen, die uns alle prägen kann. Sein Leben wirkt nach, bis heute. Sein Leben tut uns heute noch gut.
Lassen wir uns darauf ein, begegnen wir dem Kind, das uns noch Jahre viel, sehr viel zu sagen hat.

Lasst uns seinen Geburtstag feiern!
Fröhliche Weihnachten! Gesegnete Weihnachten!

Unsere Laternenkrippe

23       Tür zum Paradies

Am Heiligen Abend freuen wir uns über die Geburt Jesu.
Mitten in der Nacht.
Dann, wenn es am finstersten ist, kommt er als Licht für die Welt, die immer wieder aufs Neue auf dieses Licht des Anfangs angewiesen ist.

Doch der Tag des 24. Dezember ist Adam und Eva gewidmet, darüber möchte ich mir heute schon Gedanken machen.

Am Beginn der biblischen Erzählungen stehen Adam – „erster Mensch, Stammvater aller Menschen (griechisch: Mensch in allen vier Himmelsrichtungen)“ und Eva – „die Leben Schenkende“ als Stammeltern aller Menschen. Mit ihrer Geschichte wird verständlich, was in uns allen „eingeschrieben“ ist: das Paradies, die herrliche Natur mit allen Geschöpfen, der Lustgarten, der Baum, der nicht für uns gedacht ist, das Versteck im Paradies, die Vertreibung aus dem Paradies, das alltägliche Leben mit Anstrengung, Krankheit und Misserfolgen, die Sorgen, Freuden und Nöte mit den Kindern, … das Leben, einfach das Leben.

Dieses Leben spielt nach seinen eigenen Regeln. Doch ein Stück weit gibt es immer wieder die Chance, im Paradies zu weilen und wir erleben Glück, Zufriedenheit, innere Ruhe, Zuneigung und Liebe.
Oft stehen wir jedoch am Rand des Paradieses oder fühlen uns ganz ausgestoßen und erfahren, dass alles dem ewigen Auf und Ab unterworfen oder gar vergänglich ist.

Mit der Heiligen Nacht wird diesem traurigen Schluss die Spitze genommen. Die Geschichte von Adam und Eva, von uns allen, mündet in die Geschichte des Neuen Bundes.
Alles ist Anfang, immer gibt es einen neuen Anfang.
Jederzeit kann das Licht überwiegen. Und wer es findet, wird zur Lichtgestalt.
Und das Paradies wird der Himmel sein.  

Meine Tür heute: Innen ist das Paradies.

Madeira

22 Tür des Vertrauens

Ich bin am Abend extra noch einmal vor die Tür gegangen: Sind die Sterne zu sehen? Diese zwei Himmelskörper Saturn und Jupiter, die aus unserer Sicht heute zu einem Stern verschmelzen, was nur alle heiligen Zeiten geschieht? Die womöglich vor gut 2000 Jahren um die Wintersonnenwende in der gleichen Konstellation die astronomisch Gelehrten, Könige ihres Fachs, in Bewegung setzten?
Nein, leider. Nichts zu sehen. Schade. Der Himmel war bedeckt.
Ich wüsste nur zu gerne, was die weisen Männer damals „wussten“. Marschierten sie los, weil sie in diesem überraschenden Bild am Himmel eine bewegende Botschaft lasen? Gingen sie dem Sternbild nach, weil sie darauf vertrauten, dass es etwas Außerordentliches bedeuten musste? Sind sie die Figuren, die uns von allem Anfang an Vertrauen ans Herz legen?
Dieses große Vertrauen beeindruckt mich.

Die Nacht vom 21. zum 22. Dezember wird landläufig auch Thomasnacht genannt. Thomas, der Zweifler. Da er am längsten brauchte, bis er die Heilsgeschichte Jesu glaubte, also lange in der Dunkelheit des Unglaubens verharrte, deshalb ist ihm diese Zeit gewidmet. Ihm fehlte, was die Weisen aus dem Morgenland tagelang durch die Wüste ins Ungewisse trug: Vertrauen.

Sprung ins Heute: Ich übertreibe gewiss nicht, wenn ich sage, dass wir uns unglaublich gebildet fühlen mit all den wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit. Doch Wissen allein genügt nicht. Diese Erkenntnis klingt noch durch, wenn man vom Urvertrauen aller Babys spricht, die vollkommen auf die Mutter angewiesen sind. Urvertrauen…
Seltsam ist, dass das Vertrauen in die Wissenschaft nicht unbedingt wächst, je mehr die Menschheit weiß. Will so mancher den Zweifler spielen, um klug zu wirken? Oder ist es eine Ahnung, dass wir trotz allem Wissen und Fortschritt nicht alles im Griff haben und deshalb besser Angst angesagt ist?

Auch in die Wissenschaft müssen wir Vertrauen setzen, sie leistet einen unschätzbaren Dienst. Wo wären wir heute, wenn helle Köpfe nicht all die medizinischen Erkenntnisse gewonnen hätten? Es gäbe keine Mittel gegen Pocken, Lepra oder Lungenentzündung, keinen Kaiserschnitt und keinen Zahnersatz, keine neue Linse im Auge, kein neues Gelenk und schon gar keinen Herzschrittmacher…
Jetzt müssen wir auch vertrauen. Im Sinne der Allgemeinheit. Hoffen wir, dass möglichst viele Menschen nicht zu rechthaberisch oder zu hasenfüßig sich den Erkenntnissen der Wissenschaft verweigern. Noch nie wurde so global zusammengearbeitet, um eine globale Gesundheitskrise zu meistern.  
Wir sollten nicht wie der Zweifler Thomas erst umgestimmt sein, wenn wir das Scheitern eines elendigen Überlebenskampfes miterleben müssen…
Vertrauen heißt, ich glaube daran, dass es gut wird.
Dazu muss ich mich aber bewegen, – wie die Weisen aus dem Morgenland. Auch wenn ein Stück Ungewissheit dabei ist.

Meine Tür heute: Ich geh impfen, sobald ich drankommen kann. Für mich und für alle.

London

21 Tür für das Christkind

Liebes Christkind!

Heute ist die längste Nacht im Jahr, da hast du ja dann gut Zeit alle Briefe einzusammeln. Wenn du glaubst, dass du das trotzdem nicht schaffst, musst du halt deine Engel einteilen. Sie haben ja sonst nichts zu tun außer Halleluja üben für den Heiligen Abend. Ich finde, damit sollen sie heute Nacht einmal Pause machen und dir helfen. Das ist wichtiger. Singen können sie sicher schon gut. Es warten nämlich bestimmt noch viele Kinder darauf, dass ihr Brief abgeholt wird. Ich auch.
Aber bitte sag ihnen, sie müssen gut aufpassen. Für die hauchzarten Engelflügel ist es ziemlich gefährlich. Viele Leute haben einen hohen Zaun oder eine hohe Hecke, da könnten sie leicht hängenbleiben. Und möglicherweise hocken irgendwo die Coronas auf der Lauer. Die Virologier sagen zwar, dass die Coronas immer irgendwo picken, an den Händen und so und dass sie sich am liebsten in der Spucke versammeln. Also ich weiß nicht … die Engel picken ja auch nicht mit ihrer Wolke zusammen. Da kämen sie ja nicht voran. Aber du könntest ihnen für den Fall eines Crashs mit Coronas sowas wie ein Abwehrschild mitgeben. Du kannst doch segnen, oder? Ganz fest, weil das normale Segnen nützt nichts, das weiß ich. Da lachen uns diese Coronas nur aus. Die freuen sich nämlich, wenn in der Kirche oder sonst wo viele Leute sitzen, die sie dann alle auf einmal anhüpfen können.
Und wenn du wirklich die Augen überall hast, schicke doch einen Hoffnungsschimmer in die Zeltstädte, wo ganz viele Kinder sind. Sie haben bestimmt kein Papier und kein Schreibzeug für einen Brief an dich. Ich habe gehört, viele hohen Tiere wissen noch gar nicht, dass die Leute dort auch gern in einem Haus wohnen möchten, wo es nicht so eiskalt und nass ist. Das musst aber du den Tieren sagen, deinen Engeln glauben sie das bestimmt nicht. Am besten lässt du sie einmal ein paar Stunden oder Tage in einem Schlammloch frieren, wenn sie sich das nicht vorstellen können. Oder darfst du das nicht?
Magst du bitte eine große Portion Sternenstaub in Weihnachtsgefühle verwandeln und deinen Engeln mitgeben? Im Altersheim sitzen echt viele Omas und Opas und wir Kinder dürfen nicht hinein. Ich hätte schon ein Weihnachtsgefühl ins Gesicht meiner Oma gezaubert, das kann ich. Ist mir letztes Jahr auch gelungen. Aber heuer darf ich nicht. Bitte schicke einen Engel dort vorbei!
Also ich denke, wenn deine Engel sowas sind wie ein Hauch, sag ihnen doch, sie sollen auf dem Weg auf einen Hauch im Krankenhaus vorbeifliegen. Nicht auf einen Sprung, der hilft den Kranken grad nicht viel, aber einen Hauch könnten sie schon brauchen.

Liebes Christkind, ich hoffe, du vergisst nichts. Du könntest zur Vorsicht den Brief mitnehmen und jederzeit nachlesen. Wenn du alles auf die nächsten Wochen verteilen musst, dann ist das für mich nicht schlimm. Für die anderen vielleicht schon, bitte beeile dich für sie. Mir macht es nichts aus, ich bin ja ein Kind und muss eh Geduld üben.
Liebe Grüße und viel Glück! Deine S.

Postfiliale und Wechselstube in Tallinn / Estland

20 Tür zur Gesundheit

Bis in die Nachtstunden war der Garten des Nachbarhauses an den letzten beiden Tagen scheinwerferhell ausgeleuchtet. Der junge Papa zweier Töchter stand draußen, mit dem Gartenschlauch in der Hand, um eine Eisfläche für seine zwei Eisprinzessinnen zu schaffen.
Vor Jahrzehnten versuchte das auch mein Vater für meine Schwester und mich. Das kleine Rund war holprig und voller Knubbel, leider alles andere als geeignet für Figuren wie Kanone und Schwalbe. Wir waren enttäuscht, aber auch mein Vater war enttäuscht. Er hatte sich wirklich redlich bemüht.
Das ist mir spontan beim Anblick des jungen Papas wieder eingefallen. Es ist nur ein kleines Detail meiner Kindheit, wir haben nämlich wirklich nichts vermisst. Sport und Bewegung verbunden mit der Liebe zur Natur war unserem Vater immer sehr wichtig.
Und meine Mutter war Königin in der Küche. Gesundes, schmackhaftes Essen war selbstverständlich, und das täglich mit Suppe, Hauptspeise mit Salat oder Kompott (je nach dem) und Nachtisch.  Heute bewundere ich sie, wie gut sie das Timing im Griff hatte (ich habe es trotz aller Liebe zur Kochkunst eher nicht!) und auch dafür, dass sie nie die Freude daran verloren hat, mit viel Aufwand zu kochen. Und das nicht nur am Sonntag, nein, tagtäglich.

Sie kannten beide das Zitat wahrscheinlich nicht, lebten mit uns aber immer danach, wie Theresa von Avila (spanische Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert) es ausdrückte: „Tu Deinem Leib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Denn der Leib ist der Tempel der Seele.

Heute ist schon der 4. Adventsonntag. Die Weihnachtstage stehen vor der Tür. Ich freue mich auf unser gemeinsames Essen im Familienkreis!
O ja, wann immer Menschen zusammenkommen, um zu feiern, wird miteinander gegessen. Die Gemeinschaft, die Unterhaltung, der Austausch, der Humor – das alles ist Nahrung für die Seele. Und für den Leib sorgen köstliche Speisen, gute Getränke, Süßes und Salziges, herrliche Düfte und der genussvolle Anblick der Tafel. Schon immer war es so. Miteinander zu essen bedeutet miteinander zu leben oder willkommener Gast zu sein. Gastfreundschaft ist in vielen Kulturen eines der heiligsten Gebote.

Es bleibt viel Raum und Energie für Geist und Seele, wenn der Körper sich wohl fühlt dank gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung. Außerdem: Läuft‘s im Körper rund, bleibt das Herzl g‘sund!
Darum ist in gewisse Türen ein Herz geschnitzt. 😉

Meine Tür heute: Sie ist gar nicht fromm, aber es steht schon in der Weihnachtsgeschichte, dass auch Jesus Windeln trug.

Nahe der Zirmtalhütte im Vinschgau / Südtirol

19 Dachtür

Genua

Beim Anblick dieses Hauszugangs herrschte im ersten Moment großes Verwundern: Wie kompliziert! Doch beim zweiten Blick war dem nicht mehr so. Von der Straße aus gelangt man durch die Pforte und über die Brücke schließlich durch eine Dachtür in das Haus. Wer in einem oberen Stockwerk wohnt, vielleicht auch in der oberen Stadt seine Wege zu erledigen hat, wird diesen Zugang in einem hohen Haus ohne Lift als großen Vorteil schätzen.
Der erste Eindruck kann mächtig täuschen. Ein Umweg kann sich als nützlich erweisen.

Vor ein paar Stunden wurde angekündigt, dass nach Weihnachten wieder das allgemeine Leben heruntergefahren wird. Einen tiefen Seufz-Schnaufer lang war ein dickes großes NEIN in mir, – nicht schon wieder. Unser Leben bewegt sich wie ein Gummiband, mal mehr, mal weniger angespannt. Immer darauf bedacht, dass es nicht reißt. Ich gestehe, ich möchte diese Lockdown-Entscheidungen nicht treffen müssen.
Nach Weihnachten gilt es für alle wieder Mittel und Wege zu finden, sich aufzuheitern, die Entscheidung mitzutragen und den Umweg zu akzeptieren, den das Gemeinwohl gerade dem persönlichen Leben abverlangt.
Wie hieß es am 3. Dezember in der positiven „Garten-Tür“-Botschaft: Da gibt es einiges, was wir uns schon lange vorgenommen haben, einmal zu tun. Ich denke, wir sind doch eh noch nicht fertig geworden…

Heute hat uns eine erfrischende Weihnachtskarte erreicht: Ein einzelnes Rentier – im dürren Geäst seines Geweihs steckt ein Stern fest, und das sieht ziemlich nach Missgeschick aus. Das Rentier findet sich damit nicht nur ab, nein, es trabt mit hoch erhobenem Haupt so leichtfüßig über das endlose Weiß, dass es schon schwebt!

Also: Machen wir das Beste draus!   

Meine Tür heute: Ich habe beschlossen, ich werde die nächsten Tage schweben.

18       Tür zu Musik

Gestern Abend hätten wir beim Adventsingen mitgewirkt, – meine fast 40 Sängerinnen im Chor, – mit großer Freude! Wie gern wären wir da gewesen, wie jedes Jahr an einem Donnerstag im Advent.
Spätestens mit dem Adventsingen, an dem etliche Musikgruppen und Gesangsgruppen aus dem Ort ihren Beitrag leisten, wird es vorweihnachtlich: der große Christbaum am Stadtplatz, der leuchtende Adventkalender am Rathaus, der Glühweinstand, die Kerzen, die den Weg zur Kirchenpforte säumen, die stimmungsvolle Beleuchtung in der Kirche und schließlich diese Klänge! Abwechslungsreich und vielseitig erklingen Weisen und Melodien, wie eben die Akteure selbst verschieden sind, weich und heimelig, voller Hingabe und Gefühl, – himmlische Klänge in unserer Pfarrkirche (wie in vielen Kirchen), die einstimmen auf das große Fest.

Und jetzt?
Ich singe für mich. Fast schon heimlich. Gemeinsames Singen – geht nicht. Mit Kindern in der Schule singen – geht nicht. Es gibt kein Zelebrieren dieser schönen Zeit mit dem schönsten Ausdrucksmittel Musik. Diese Adventzeit wird ziemlich sang- und klanglos vorübergehen, – und das ist wortwörtlich gemeint.

Nie hätte ich mir ausmalen können, dass es möglich ist, aktives Singen und Musizieren so weit einzuschränken, dass es verstummt. Musik auf dem Abstellgleis. Die Künstler, die von ihrem künstlerischen Wirken leben, können „ein Lied davon singen“.
Singen, Musizieren und das Hören von Musik gehören zum Menschsein wie die Sprache. Geblieben ist uns das Hören von Musik… Ein kleiner, schwacher Trost.

Istanbul

Ich hoffe sehr, dass wir uns irgendwann mit Schaudern daran erinnern, wie still es in diesem Advent geworden ist.
Und ich hoffe noch mehr, dass Musik in allen Facetten einen wahren Geburtstag erlebt und gefeiert wird, wenn denn die „7 mageren Jahre“ (so lange erscheint es mir nämlich schon!) hinter uns liegen. Da hilft nur eines: Blicken wir nach vorn und summen wir, was uns auf der Zunge brennt…
Ich habe schon im Ohr, mit welchen Liedern wir die erste Chorprobe starten!  

Meine Tür heute: Musik und das miteinander Singen sind Glücklichmacher.

17 Tür der Gaben

Heute steht der Name Lazarus – „Gott hat geholfen“ – im Jahreskalender.
Wir kennen die Geschichte: Lazarus wird von den Toten auferweckt. Das größte Geschenk, das es überhaupt geben kann, das Leben, wird ihm erneut geschenkt.

Weihnachten ist das Fest des Lebens, das Fest der Familie und der Liebe. Mit der Geburt des Jesuskindes kommt das größte Geschenk – ganz klein – zur Welt.

Alle Geschenke, die von Herzen kommen, haben im Letzten diesen Sinn: mit einer Gabe in den Händen oder unter dem Baum wollen wir mit den Beschenkten das Leben feiern, ihnen das Leben verschönern, das Leben erleichtern, sie freudig überraschen, und wir wollen uns miteinander freuen.

Doch das ist nicht immer einfach. Auch wenn man sich gut kennt, kann es schwerfallen, ein passendes Geschenk zu finden. Was kann schon ausdrücken, was ich wirklich fühle? Ein Geschenk kann immer nur ein Symbol sein.

Manche Menschen sind wahre Beobachtungskünstler und Meister der Empathie und finden genau, welche kleinen Herzenswünsche bestimmten Personen Freude bereiten. Ich weiß nicht, ob diese Gabe angeboren ist. Auf jeden Fall haben diese Menschen etwas von Engeln, sie können oft tiefer in die Beschenkten hineinsehen als diese selbst.

Manche Menschen sind wahre Künstler, indem sie aus „Zutaten“ das selbst herstellen, was anderen Freude macht und verschenken dabei viel von ihrer Zeit: sei es in der Küche, in der Werkstatt, im Stricksessel, am Computer, in der Nähstube…

Mir fällt der Stoffladen, einer von vielen, im Pakistanischen Viertel in London ein, – zum Bersten gefüllt mit Stoffballen, hier könnte man sich stundenlang durchwühlen, wenn man Zutaten für Geschenke DIY ( = Selbstgemachtes) suchen wollte!  

Meine Tür heute: Zeit und Liebe sind die wertvollsten Geschenke!

16 Tür des Abschieds

Heute begleitet eine meiner Kolleginnen ihre Mama auf dem letzten Weg. Es ist anders in diesen Tagen, nur wenige werden mitgehen im Vergleich zu „normalen“ Zeiten. Denn in einem Dorf ist immer noch alles auf den Beinen, wenn geheiratet wird, aber auch wenn gestorben wird. Man nimmt Anteil an den großen Wendepunkten eines Lebens.

Die jüdische Tradition besagt, dass ein Mensch zweimal stirbt. Wenn das Herz aufhört zu schlagen und alle Lebensgeister den Leib verlassen, das ist das erste Mal. Das zweite Mal, wenn der Name des Verstorbenen zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird.

Diese jüdische Tradition finde ich überaus tröstlich.
Ich möchte den Gedanken sogar weiterspinnen: Wenn der Name eines Menschen, der uns gar nicht kannte und dem wir nie persönlich begegnet sind, tausendfach, hunderttausendfach in den Mund genommen wird, dann kommt dies nicht nur einem ewigen Leben gleich, nein, dies ist ja eine Auferstehung! Dieser Gedanke mag so manche Sichtweise sprengen…

Am Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, ist es noch dunkel. Mein Weg führt mich am Friedhof vorbei, der in einer Mulde liegt. Ich blicke von oben hinab auf ein Lichtermeer von Kerzen, die Tag und Nacht brennen im Gedenken an die Lieben. „Ich weiß meine Mama gut aufgehoben“, sagte erst kürzlich eine liebe Freundin zu mir. Es könnte nicht herzlicher ausgedrückt sein. Und der Anblick dieser vielen guten Gedanken in Form von roten Lichtern ist beruhigend schön.

Meine Tür heute: Unsere Lieben im Herzen behalten, – dort wohnen sie, solange wir selbst leben.

Magdalenenkapelle aus dem Jahr 1330,
ehemalige Friedhofskapelle in Hall

15       Freundschaftstür

Wenn ich an Freundschaft ganz allgemein und an meine Freunde und Freundinnen im Besonderen denke, dann ist keine meiner Türen die wirklich richtige.
Über Freundschaft wurde schon so viel geschrieben, da bedarf es keiner weiteren Erklärungen.
Heute ist mir wichtig, über meine Freundschaften nachzudenken. Ein bisschen Zeit für ein Lob auf die Freundschaft. Klingelt es in euren Ohren, liebe Freunde?
So möchte ich für euch ein paar Bilder mit Worten malen…

Alte Bäume, die sanft rauschen, die Wurzeln sind tief – wir haben uns über Jahre hinweg nicht aus den Augen verloren, inzwischen wachsen köstliche Früchte

Beredte, gelachte, diskutierte, geträumte Zeiten mit euch, eine Blumenwiese, die nie ganz dieselbe bleibt

Dohlen oder Möwen, wo auch immer wir sind, sie begleiten unser leises Fernweh

Lieder singen in meinen Ohren, in mir drin, mit euch, mein Herzschlag fühlt den Rhythmus

Sternschnuppen purzeln in meinen Abend, wenn ich von dir höre

Der weiche Teppich, der meine Sohlen schont und mich durch Lüfte trägt, wenn du da bist

Sonnenaufgänge, Regenbogen und immer wieder die Rast im Haus Vertrauen, mein Lieblingsweg, der uns immer noch Hand in Hand sieht, – wie sollte es auch anders sein?

Meine Tür heute: Ach, ich wäre oft gern eine bessere Freundin

Cornwall

14 So-als-ob-Tür

Eine schöne Tür!
Doch… Wo ist der Türgriff? Wo eine Klingel? Wo ist der Postkasten?
Diese Türe – wenn man genau hinsieht – steht mit dem Türrahmen auf einer extra erstellten Stufe, geht nicht auf, lehnt bloß an der Wand.
Nun ja, ein Blickfang. Ein Blickfang ohne Funktion. Eine So-als-ob-Tür.

Manchmal – ganz ehrlich – tut man auch so als ob. Ich kenne das Gefühl. Ein Beispiel: Ich gebe mich am Morgen bei der Arbeit frisch und munter, obwohl ich mich gerne noch einmal im Bett umgedreht hätte.

Manche Menschen sind Spezialisten im „So als ob“. Sie können das so gut, dass man ihnen alles glaubt.
Sie tun so, als hätten sie schrecklich viel Arbeit und unerträglichen Stress, – sie werden dann von anderen entlastet.
Sie tun so, als wären sie gesundheitlich sehr angeschlagen, – gehen aber am selben Tag noch auf eine Tour.
Sie tun so, als wüssten sie über etwas genau Bescheid – und überzeugen all jene, die noch weniger wissen.
Man könnte die Liste fortsetzen… In gewisser Weise sind sie „Alltagskünstler“.

Dass sie mit der Zeit ihre „So als ob“ selbst glauben, ist für alle anderen ein Dilemma, denn man kann relativ wenig dagegen ausrichten. Diese „Kunst“ ist leider Gottes im medialen Bereich sogar salonfähig geworden, – Fake News sind vielfach nämlich nichts anderes.

Ein gesundes kritisches Zuhören und selbst Entscheiden, vor allem, wenn man einmal stutzig geworden ist, kann sehr hilfreich sein. Sonst tritt dich irgendwann ein Pferd!

Bemalte Fassade am Rand einer Häuserzeile in Tarragona / Spanien
Foto oben: So-als-ob-Tür in Vils

Es schadet gewiss nicht, sich selbst zuzuhören: Bin ich auch – ohne es zu merken – ein „Alltagskünstler“?

Meine Tür heute: Mehr Sein als Schein.

13 Gaudete! Lichtertür

Der 3. Adventsonntag „Gaudete! – Freuet euch!“ und zugleich der Luciatag, – es könnte sich in Zeiten wie diesen nicht besser treffen…
Lucia, die Lichtbringerin, wird besonders in Ländern verehrt, in denen lange, tiefe Dunkelheit herrscht. Der Legende nach brachte sie den verfolgten Christen, die sich in den finsteren Katakomben versteckt hielten, Lebensmittel und mit ihrem Kerzenkranz am Haupt vor allem Licht.
Das Lucia-Licht, ein Licht von außen, das Hoffnung in den Menschen bewirkt.

„Gaudete! – Freuet euch!“ ist nicht nur eine nette Einladung, nein, „Gaudete!“ ist eine Aufforderung, sich zu freuen. Wir wissen ja, was kommt, ist das nicht Grund genug sich zu freuen? Der Mensch, der alle Zeiten bewohnt – mit dem Bewusstsein für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – wird damit zum aktiven Gestalter seiner Zukunft.

„Freuet euch!“ – Wenn es dir jetzt nicht gut geht, solltest du wissen, dass das ganze Leben eine Reise ist, geprägt von Höhen und Tiefen. Vertraue darauf, dass sich vieles zum Guten wendet und nimm Hilfe an, die dir angeboten wird.

„Freuet euch!“ – Schau positiv in die Zukunft, tu es nicht allein, freue dich mit anderen, werdet miteinander Gestalter eurer Zukunft!

„Freuet euch!“ – Nimm die vielen kleinen Freuden wahr, die sich tagtäglich vor dir wie ein Teppich ausrollen. Sie sind einfach da, du musst sie nur erkennen wollen und dem Augenblick die Chance geben, dass du die Freude erlebst. Freude wie funkelnde Tautropfen, die du wahrnehmen oder einfach übersehen kannst.
Nicht die großen, herausragenden Gelegenheiten sind es, die aus dir einen strahlenden Menschen machen. Die tagtäglichen Freuden sind es, sie verleihen deinem Tag – und dir – den Glanz, den du verdienst.

Meine Tür heute: „Mei schian!“ – Mein Freudenausbruch, – ziemlich oft (was wiederum meine Lieben belustigt 😉)

Istanbul

12 Durchgangstür

Der Petersdom hat eine Jubiläumspforte, eine versiegelte Tür (symbolisch kann sie auch in allen anderen Kirchen eingerichtet werden). Sie wird alle 25 Jahre geöffnet, damit jede Generation die Möglichkeit hat, sie auch zu durchschreiten. Wer über die Schwelle tritt, soll eine Erneuerung erfahren, eine innere Verwandlung. Wer Riten, Bräuche und Traditionen hochhält, dem wird dieses symbolische Durchschreiten sehr wohl etwas bedeuten.
Die Schwelle ist ein beliebtes, aussagekräftiges Symbol.
Die Braut wird vom frischgebackenen Ehemann über die Schwelle getragen. Dabei geht es nur im romantischen Film darum, dass er sie von nun an auf Händen tragen will. Nein, es geht um ein Schutzversprechen: In den allermeisten Fällen ist der körperlich überlegene Teil eines Paares der Mann. Er hält seine Frau in seinen Händen, er übernimmt den Part des Stärkeren, nämlich die Schwächere zu beschützen. Viel zu oft wird das vergessen, ein schreckliches Dilemma in so mancher Beziehung. Denn hier wird Kraft mit Macht verwechselt und im Grunde alles zerstört.

Die letzte Schwelle ist die Kirchentür, wenn man zum letzten Abschied feierlich hinausgeschoben wird unter den freien Himmel.
Dazwischen werden im Laufe eines Lebens Neugeborene über die Schwelle getragen, hinein in ihre Familie. Die Schulanfänger werden hinausbegleitet bis zur Schwelle des Schulhauses, jetzt beginnt ein Teil des Lebens, der sich dem Einflussbereich der Eltern zum Großteil entzieht. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen.
Und so manche Schwelle ist ziemlich ausgetreten.

Runde Geburtstage stellen eine Schwelle dar, sie sind ein symbolischer Einschnitt für Rückschau und Ausblick, den man gern mit lieben Leuten gemeinsam feiert. Jede Feier eines Geburtstags, in welcher Form auch immer, ist ein Dank an das Leben.

Dass heuer so manche Schwelle weit weniger Füße erlebt, sollte unsere Fantasie beflügeln, statt uns zu Resignation zu verführen. Ein Umbruch wie diese Pandemie wird zur Herausforderung, neue Formen zu entwickeln. Und wir dürfen ja hoffen, dass wir irgendwann wieder unsere liebgewordenen Traditionen leben können, – es wird bestimmt nicht 25 Jahre dauern!

Meine Tür heute: Im Grunde ist das gesamte Leben eine einzige große Durchgangstür.

Fotos: Dublin / Irland
Rock of Cashel / Irland

11 Türen in die Welt

Beim Sondieren in meinen Bilderordnern (wo habe ich noch eine besondere Türe fotografiert?) stoße ich auf so manches Reiseerlebnis, das mir dann wieder vor Augen steht, als wäre ich erst kürzlich dort gewesen auf diesen Bergen, in dieser außergewöhnlichen Stadt, in diesem „wanderbaren“ Land… Mir fällt es momentan nicht schwer, auf das Reisen zu verzichten. Es betrifft uns ja alle und irgendwann wird es schon wieder möglich sein, Pläne zu schmieden und Koffer oder Rucksack zu packen.

Es mag uns auch trösten, dass wir überzeugt sagen können: Wir leben ja dort, wo andere ihren Urlaub verbringen. Andere Sprüche und Weisheiten ziehen uns jedoch hinaus in die Welt, ob nahe oder fern, jedenfalls für ein Weilchen weg von zuhause. „Tapetenwechsel“, „Man muss reisen um zu lernen.“ (Mark Twain), „Das Leben ist eine Reise, und wer reist, lebt zweimal.“, „Reisen macht einen bescheiden, man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt.“ (Gustave Flaubert)

Ganz verschiedene Zitate, und doch mit derselben Grundstimmung: Reisen ist nie umsonst. Man kommt reicher an Wissen und Erfahrungen nach Hause. Und man überwindet mit jeder neuen Erkenntnis ein bisschen mehr von einer blinden Nabelschau: Ich bin nicht das Zentrum der Welt.

Nein, es muss kein exotisches Ziel sein. Es kann schon das Nachbartal sein, das uns überrascht. Es kann aber auch sein, dass die Welt in mein Haus kommt: Jeder Gast ist ein fremdes Universum, das mir vertraut werden kann!

Meine Tür heute: Selbst hinaus und andere herein können sehr beglückend sein. (Oh, das reimt sich!)

Funchal / Madeira

10 Luxustür

Im Geschäft: „Sind das österreichische oder holländische Tomaten?“, fragt die Kundin. „Wollen Sie die Dinger essen oder sich mit ihnen unterhalten?“

Da prallen zwei Welten aufeinander, gut verpackt in einen Witz…

Wir überlegen zwar inzwischen ein bisschen mehr, wo die Nahrungsmittel herkommen. Diese Corona-Zeit bewirkt im Kaufverhalten, vor allem bei den Lebensmitteln ein Umdenken. Leider nicht in allem. Die Mentalität „alles und sofort“ haben wir nämlich auch gründlich trainiert. Die Auswüchse sind der grenzenlose Online-Handel, die Paketflut einschließlich Retouren, die Berge an Verpackungsmüll und der Luxus, der schon Überfluss ist.

Ich sehe aber auch, dass es inzwischen eine Gegenbewegung gibt. Das macht Hoffnung.
Geschenke hausgemacht, handgemacht. Verpackt in einer kreativen Art, die zwar nicht glitzert und knistert, aber möglicherweise sogar nützlich oder selbst schon ein Geschenk ist.

Genügsamkeit ist dort, wo hinter einer Tür so viel ist, dass man gut leben kann.
Luxus ist dort, wo es hinter einer Tür mehr gibt als unbedingt nötig, was man auch dankbar genießt.
Überfluss ist dort, wo es hinter einer Tür so viel gibt, was man gar nie braucht und trotzdem nach mehr strebt.

Dublin

Meine Tür heute: Ich mag Tomaten aus Österreich. Am liebsten zu ihrer Zeit aus meinem Garten (das ist auch Luxus).

Zwei Türen

9Hinter der einen Tür ist mein Zuhause. Die zweite Tür gehört zur Arbeitsstelle.
Meistens liegt ein Gutteil Wegstrecke dazwischen. Wenn der Aufwand von der einen Tür zur anderen nicht jeden zeitlichen Rahmen sprengt, dann hat der Weg seine Vorteile: Hier wohne ich – dort verdiene ich meine Brötchen.

Unzählige Lebensberater in Form von Vortragenden, von Büchern und Internetforen bemühen immer wieder den Begriff Work-Life-Balance. Als wäre die Arbeit von meinem Leben zu trennen! Für viele ist die Arbeit das Leben! Für viele ist es kein Leben ohne sinnvolle Arbeit!
 
Doch nicht immer ist Arbeit so erfüllend und befriedigend. Sie kann anstrengend, zermürbend, emotional belastend sein. In solchen Zeiten steht man gefühlsmäßig außerhalb des eigenen Lebens, – als ob das Leben aufgefressen würde.

Wem es gelingt, den Weg zwischen Arbeit und Zuhause so zu erleben, als lege man einen Arbeitsmantel ab, der hat sehr viel gewonnen: Jetzt bin ich daheim. Jetzt sind meine Lieben das Wichtigste, mein Hobby, mein soziales Engagement, meine Freunde…

Das wird wohl eine große Herausforderung der zukünftigen Arbeitswelt werden, in der immer mehr Menschen von Zuhause aus arbeiten: Wie gelingt es, dass sich die Menschen im Home-Office nicht in der Dauerschleife befinden?
Müssen wir lernen, innerlich einen Weg zu nehmen, der uns ins Daheim bringt?
Oder bleibt es dabei, dass ein Stück Weg besser wirkt? Hinaus bei der Tür, die Treppe hinunter, dann wieder hinauf und hinein bei der Tür, – ich komme heim…

In früheren Zeiten galt auf dem Land das Angelus-Läuten um 18 Uhr als Zeichen, die Arbeit niederzulegen für ein Gebet und den Feierabend einzuläuten. Einmal muss genug sein. Nicht umsonst gibt es dieses schöne Wort: Feierabend.

Meine Tür heute: Jetzt ist Feierabend! Darum schreibe ich…

Verona

Goldene Pforte

8Ich liebe Geschichten, die „das Leben schreibt“, mit allem, was dazugehört: vom Glück sich zu finden, von Irrungen und Wirrungen, von Liebe und Leid und wenn möglich mit Happy End (obwohl an dieser Stelle niemals ein Ende ist, doch eine Geschichte muss irgendwann zu einem letzten Wort und Punkt kommen). Ich glaube, solche Geschichten liebten die Menschen schon immer.

Heute, 8. Dezember – Mariä Empfängnis, ist der Tag einer sehr alten Liebesgeschichte. Anna und Joachim finden sich, sie sind ein glückliches Paar und wünschen sich sehnlichst Kinder. Der Wunsch bleibt ihnen jedoch 20 Jahre lang versagt. Zu ihrer Zeit bedeutet, was für sie ein großes persönliches Unglück ist, in der Gemeinschaft ein Versagen, eine Schande: Kinderlos entziehen sie sich der Verantwortung, für die Zukunft ihres Volkes einen Beitrag zu leisten. Also doppelt traurig für die beiden. Sie entfernen sich in ihrem Kummer innerlich immer weiter voneinander und schließlich ziehen sie sich jeweils alleine zurück. Jeder leidet, fleht und weint. Anna igelt sich in ihren Räumen ein, Joachim zieht in die Wüste und bleibt so lange, dass sie schon befürchten muss, bei allem Leid nun auch noch Witwe zu sein. Sie haben sich aus den Augen verloren, trotz ihrer Liebe.
Nun erscheint ein Engel den beiden im Traum und gibt ihnen den nötigen Schubs: Treffpunkt Goldene Pforte! Sie fallen sich in die Arme, küssen sich und halten sich innig umschlungen. Sie erkennen, dass sie zueinander gehören und einander zugewandt bleiben müssen, damit das gemeinsame Leben gelingt. Ja, es steht sogar geschrieben, sie begegnen sich, was so viel heißt wie sie teilen wieder ihr Bett miteinander und lieben sich.

Es gibt viele Ikonen und Darstellungen, wo sich die beiden liebevoll umarmen und küssen. Eine an und für sich äußerst seltene Darstellung, denn im Orient werden Gefühle zwischen Mann und Frau nicht öffentlich gezeigt. Doch das ist eine Liebesgeschichte pur. Und ein Lobgesang auf die körperliche Liebe! Genau 9 Monate später, am 8. September, stellt sich auch großes Glück ein: Es wird ihnen ihre Tochter Maria geboren.

Sich innigst zu lieben ist der Kirche einen Feiertag wert, auch wenn nicht ganz so offensichtlich davon gesprochen wird.

Mein Fenster heute: Jedes Paar sollte seine „Goldene Pforte“ kennen, um immer zueinander zu finden. Engel schubsen heutzutage nicht mehr im Traum!

Bilder: Orientalisches Badehaus / Palma di Mallorca
Gartenpforte in den Bourn Vincent Memorial Park / Irland

Hintertür

7Manchmal schleichen sich ungute Gefühle ein. Sozusagen durch die Hintertür. Man hört sie nicht kommen, spürt zwar, dass etwas nicht stimmt, und irgendwann sieht man sie, wenn man in den Spiegel guckt. O Gott. Heute ist nicht mein Tag…

Diese ungebetenen miesen Gefühle, die sich ohne Grund einnisten, gehören zum „Urfrauentag“. (Übrigens, davon können Männer sehr wohl auch befallen werden! Wer sich wohl diesen Namen ausgedacht hat??) Angeblich geht es um eine Seelentrübung, die ohne zwingenden Grund einfach da und kaum zu verändern ist. Es wäre am besten, diese Zeit im Bett zu verbringen. Zumindest muss der Tag einfach überstanden werden. Am nächsten Tag ist alles wieder gut.

Diese Erklärung habe ich einmal gelesen und seitdem schleicht sich dieser Urfrauentag kaum mehr bei mir ein. Als hätte ich allein durch das Wissen, dass er kommen könnte, schon einen Riegel vor die Hintertür geschoben.

Werden auch Türen geöffnet, allein dass man weiß, dass etwas Neues, Gutes kommt?
Ich glaube, das geschieht.

Meine Tür heute: Jeder Gedanke daran, dass Gutes kommt, hilft diesem schon auf die Welt.  

Foto: Saaremaa / Estland

Hinter der Tür bleibt es schön warm

6 Hinter der Tür bleibt es schön warm. Wie genießen wir das in diesen kalten Monaten! Wir nehmen die Wärme-Energie auf und sie tut uns gut.
Energie verschwindet nicht. Sie kann sich nur umwandeln. Das ist ein physikalisches Gesetz.

Das ist aber auch ein zutiefst menschliches Gesetz. Wenn man etwas gibt, kommt es in irgendeiner Form irgendwann zurück. Davon kann jeder erzählen, der mit Menschen zu tun hat und der ohne groß den Aufwand zu bedenken für andere da ist.

Wer gerne Mama oder Papa ist, wem das Kind wichtig ist, der stellt sein Kind nicht ab.
Abstellen, indem das Kind nur da ist, im Grunde aber oft stört, weil möglicherweise das Handy wichtiger ist, und, und…

Wer gerne im Betreuungs- und Pflegeberuf ist, der stellt die Bedürftigen und Alten nicht einfach ab.
Abstellen, indem kaum ein freundliches persönliches Wort über die Lippen kommt.

Wer gerne Pädagoge ist, der stellt die Kinder und jungen Leuten nicht einfach ab.
Abstellen, indem man sich menschlich über sie erhebt und vergisst, wie es ist, jung und unerfahren zu sein.

Wer gerne und engagiert an einer Sache arbeitet, der stellt diese nicht einfach ab.
Abstellen, indem die Ideen, die Kompetenz, die Energien ins Leere verpuffen.

Da wären wir wieder bei der Energie.
Sie kommt zurück. Vielleicht mit zeitlichem Abstand – doch umso größer wird die Freude sein.
Es ist dann Energie mit Strahlkraft! Sie leuchtet das Leben aus.
Eine liebe Freundin verwendet ein anderes schönes Bild: Das ist die Zeit der Ernte.

Meine Tür heute: Es tut gut zu wissen, was wirklich wärmt.

Foto: Kirche in Moniz / Madeira

Einen Spalt weit geöffnete Tür

5
Man muss vorsichtig sein… in Zeiten wie diesen… man kann nie wissen…

Nein, man kann wirklich nie wissen, wer vor der Tür steht.
Eine ordentliche Tür ist da ein Bollwerk gegen alles Mögliche.
Denn das Neue, das Fremde lauert draußen vor der Tür!
Und das nicht nur am Krampusabend…

Warum auch immer die Tür oft zu bleibt, – es ist einfach schade, denn wie kann ich wissen, ob im Fellkostüm nicht die freundlichsten Augen über diese Welt lachen? Die Dinge sind nämlich nicht immer so, wie sie scheinen, – das sagte schon vor mehr als 2000 Jahren ein griechischer Philosoph. Er hätte bestimmt die Tür zumindest einen Spalt weit aufgemacht.

Das mag ein anderes Bild für die Überzeugung sein: Es ist nicht alles in Stein gemeißelt. Oft sind es gerade die überraschenden Begegnungen im Alltag, die das Leben auf eine neue Weise weiten und vertiefen. Immer wieder.
Und alle, die mit uns zu tun haben, werden auch etwas davon haben.

Was mich außerdem ungemein beruhigt: Der Türspalt bleibt offen, solange ich ihn offenhalte. Und das hat gar nichts mit dem Alter zu tun.

Meine Tür heute: Ein bisschen offen, ist auch offen. Da geht noch mehr!

Foto: Kaunas / Litauen

Türfenster? Fenstertür?

4 Fenster oder Tür?
Ein Fenster ermöglicht den Blick nach außen und frische Luft fließt nach innen. Durch das Fenster fällt das Licht.
Eine Tür begrenzt. Die Schwelle trennt klar ein Innen und Außen und durch die Tür geht man ein und aus.

So ist es allgemein üblich. Doch es gibt Ausnahmen.
Diese seltsamen Balkontüren, die gar nicht hinausführen auf einen Balkon! Sie sind zwar da, aber nur zum Zweck der Symmetrie und um mehr Licht einzulassen. Eine kluge Entscheidung bei tiefen Räumen, – die Schildbürger versuchten es mit Säcken voller Licht, eingefangen auf den Wiesen vor der Stadt.
Diese Balkontüren sind dann eigentlich Fenster. Man hat sich eingerichtet im Leben…

Das Leben spielt jedoch manchmal verrückt. Oft kommt alles anders, als man geplant hat. Ja, wenn man ein Leben überhaupt in allem „planen“ kann…
Meine Mutter pflegt zu sagen: „Wenn die eine Tür zugeht, dann geht eine andere auf.“ Leider nicht immer. Oder nicht sofort. Vielleicht aber ein Fenster?
Wenn man in Betracht zieht, dass es auch andere, ungewöhnliche Wege hinaus ins Leben geben kann, dann sind das wohl die Fenster, die plötzlich zu Türen werden. Es gibt immer einen Weg, und mag er noch so ungewöhnlich sein. Hauptsache, es kommt genügend Licht in mein Leben, schenkt mir Entscheidungsfreiheit und macht mich glücklich.

Egal was andere denken oder reden, sie reden sowieso.
Nehmen wir an, sie staunen, was alles möglich ist!

Meine Tür heute:
Wir sind nicht und niemandem verpflichtet gewöhnlich zu sein.

Fotos: Piacenza / Norditalien
Einfamilienhaus mit Tür in den Garten / Vils

Gartentür

3Keine Reisen, keine Ausflüge, keine Familientreffen, keine Freundschaftsbesuche, – für viele ist das die Vertreibung aus dem Paradies. Was will man uns denn noch alles nehmen?

Stimmt, wir machen gerade keine großen Sprünge.
Doch bis zum Bücherschrank, zum Spieleregal, zum Telefon, zur Schublade mit den Backutensilien, zum nichtgeordneten Foto-Ordner, zur Yogamatte, zum Musikinstrument komme ich, – da wollte ich ja schon längst einmal hin! So ist es doch, wenn wir uns das ganz ehrlich eingestehen.

Ich komme bis zur Gartentür, zur Tür in mein Gartenhäuschen, wo meine frostempfindlichen Kübelpflanzen überwintern. Ich pflege sie, gieße die durstigen, ich zupfe vergilbte Blätter und Blüten ab, räume hin und räume her, kehre aus… Und ich bin sehr, sehr zufrieden.

Kleine Sprünge sind möglich.
Sie tun uns gut. Denn mit diesen immer wieder verschobenen kleinen Sprüngen räumen wir etwas in uns auf, was uns zugleich ein Stück Unabhängigkeit von Äußerlichkeiten schenkt.
Und dann wartet man gar nicht mehr so wehmütig sehnsüchtig auf die größeren Sprünge…

Meine Tür heute:
Ein großes Stück Unabhängigkeit von Äußerlichkeiten liegt in mir.

Foto: Meine Villa Kunterbunt (Gartenhaus)

Geheimtür

2

Seit gefühlten 100 Jahren sammle ich Zitate, Sprüche, Gedanken.
Manche hefte ich mit einer Stecknadel über den Schreibtisch. Die Wand dient als Wechselrahmen und die Botschaften ändern sich immer wieder einmal. Manche Zitate begleiten mich schon sehr lange. Und manche Worte sind plötzlich einfach da, als wären sie mir vor die Füße gepurzelt.
Sie alle erinnern mich daran, was ich mir im tiefsten Grunde selbst sagen will. Sie sind eine Tür zu meinem Innenleben, eine Geheimtür, die genau dorthin führt, wo es mir gut geht.

Möglicherweise entspricht dies dem OHM in östlichen Kulturen oder vielleicht dem Amen in unserer Religion. Ein Satz, in dem alles enthalten ist, was ich brauche. Ein Wort, das mir vor Augen führt, was mir wesentlich ist.

Durch diese Geheimtür strömt Energie oder Ruhe oder ein Innehalten. Was gerade nötig ist…

Das ist heute meine Tür:
Hinauslieben und hineinleben

Foto: Einsiedelei im Park Sigurta / Valeggio sul Mincio

1
Die Türen sind zu. Lockdown.

Wir sind mehr oder weniger hinter unserer eigenen Haustüre verschwunden. Und das Leben ist zu einem gewissen Grad bruchstückhaft geworden.
Kleiner. Enger. Beschränkter.
So wird es sein, wenn ich alt und gebrechlich bin und mein Radius schmilzt, wenn sich der Lebenskreis immer mehr schließt, – das vermute ich. Das passiert jedoch meistens nicht so plötzlich – „Ab 0:00 Uhr gelten die neuen Bestimmungen, – harter Lockdown.“ Nein, das Leben ist ein Fluss. Ich gewöhne mich ja ein Leben lang an meinen Körper. Dieses „Gewöhnen“ hört nie auf, denn ich „wohne“ in meinem Körper und Veränderung ist das Leben! Dabei werden immer wieder neue Türen geöffnet.

Ich denke, ich bleibe bei meinem Türen-Thema…

Jetzt erst recht. Türen gibt es ja unendlich viele!
Diese herausfordernde Zeit beschert uns auch Erfahrungen, die wir so sonst nie gemacht hätten. Wir haben unsere Gedanken, Pläne, Einstellungen verändert und werden es auch weiterhin noch tun.

Das ist die erste Tür:
Hindurchgehen mit einem frisch gepackten Rucksack.
Drin ist, was ich brauchen könnte, denn wirklich „wissen tut man nix“:
– etwas weniger von dem Vielen, was ich sonst meine, haben zu müssen
– einen bewussten, möglichst besseren Blickwinkel auf die Menschen mit mir, denn sie sind es, die immer in meinem Lebensblickfeld sind
– eine Hymne auf das Leben, weil es nicht mehr ganz so selbstverständlich ist

Und damit HINAUS durch die erste Tür!

Kortscher Alm / Schlanders in Südtirol