Vom Erinnerung-Feiern, vom Abschiednehmen, Trauern und von Trostbildern
Allerheiligen ist in meiner Herkunftsfamilie seit Generationen ein Zeitpunkt, an dem sich die verstreuten Familienmitglieder treffen. Ich freue mich jedes Jahr auf Allerheiligen, ich fahre „nach Hause“, wir besuchen miteinander den Friedhof, teilen uns zur Gedenkandacht auf drei Gräber auf, und noch niemals war es todtraurig, auch wenn im abgelaufenen Jahr ein Familienmitglied zu beklagen war. Wir gedenken der Vorangegangenen. Wir stehen noch da, aber sie zeigen uns den Weg, den auch wir letzten Endes gehen werden. Es liegt etwas Tröstliches darin. Und nach der Andacht auf dem Friedhof sitzen wir zusammen, lachen und erzählen, tauschen uns aus, und feiern im Grunde genommen das Leben.
Allerheiligen ist ein Gedenken. Ein Begräbnis hingegen ist ein Abschiednehmen. Hier borden Gefühle über, denn uns selbst wird ein Stück Leben mit einer geliebten Person genommen, ja manchmal regelrecht geraubt. Da werden wir in einen Schmerz geworfen, hilflos, gelähmt treiben wir darin, und nur die Zeit, in der wir trotz allem sind, kann uns ein Ufer weisen. Es wird dauern, doch dann werden wir Allerheiligen feiern, mit den Lebenden.
Ein Junge ist gestorben. 14 Jahre alt, ein tragischer Unfall. Ich habe ihn gut gekannt, er war mein Trommler beim Schülerchor, ein fröhlicher Schüler, ein rundum begabtes Kind, das allem Neuen offen gegenüber stand. Mein erster Gedanke: „Mein Gott, wie schade, mein Gott, was da alles hätte noch sein können in diesem seinem Leben...“
Und ich höre: „Seine Zeit wird abgelaufen gewesen sein.“, und ich höre: „Vorsehung“.
Nein, nein, nein.
Das hieße, Unfälle sind vorgesehen? Jemand sieht vor, Gott sieht vor: du, du nicht, du, du nicht,...
Wie verschieden doch unsere Sichtweisen sind!
Die meine ist dieser Ansatz nicht. Viel mehr dieser: Gott nimmt auf, aber er greift nicht ein in ein Handeln in unserer Unvollkommenheit, das eben Unfälle mit einschließt. So will ich diesen tragischen Tod sehen, wie auch Krankheiten, die unseren Körper in seiner Unvollkommenheit befallen können, ganz ohne unser Verschulden.
Eine zur Zeit sehr populäre Gruppe (Seer) singt in ihrem Lied „Manche gehen früher“ (ich versuche den Text des Liedes aus dem Dialekt zu übertragen):
Sag, wie wir damit umgehen sollen,
hoch hinaus hättest du wollen,
doch wohin? Wer so früh geht,
da kommt alles einfach zu spät,
und der Traum fliegt voraus,
ich bin noch gar nicht so weit.
Aber manche gehen früher,
gehen lang vor der Zeit.
„Manche gehen lang vor ihrer Zeit“ – Ich empfinde auch so. Und das erscheint mir das eigentlich Betrübliche. Wären Tod und Krankheit Vorsehung, müssten wir nicht traurig sein, höchstens erschrocken. Alles würde entschuldbar, wenn nicht gar verdient. Das kann und will ich nicht glauben.
Rituale
In allen erdenklichen Lebenssituationen, sogar im ganz gewöhnlichen Alltag können Rituale
hilfreiche Stützen sein. Um wie viel mehr in Situationen, die uns aus der Bahn werfen oder gar auf uns selbst zurückwerfen!
Manche Rituale erscheinen leer, Hülsen, in denen ich keinen Inhalt sehe.
Doch wenn ich verstehe, dass Rituale an sich keine Inhalte sind, sondern der Rahmen, der klar abgrenzt, strukturiert, in den ich mich hinein begeben, hinein fallen lassen kann, dann bieten Rituale Geborgenheit oder so etwas wie Heimat.
Mag sein, dass die Sprache nicht passt, das Bild nicht passt, Worte verbraucht klingen; doch sie bieten ein Anlehnen, bis ich eigene Worte und Bilder finde. Habe ich sie gleich schon, dann hindert mich niemand, sogar innerhalb dieses Rahmens meine Worte aufzugreifen, in mir Raum gewinnen zu lassen, meine Bilder aufstehen zu lassen, die mir meine Seele trösten.
Ob ich „Trostbilder“ in mir habe?
Lieder sind es in erster Linie, Lieder wie „Diesen Tag, Herr, leg ich zurück in deine Hände“
und „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Melodie und Text umhüllen mich mit einem warmen tröstlichen Mantel.
Die Sprache bietet mir einen aktiven Rahmen, mich einer Situation zu stellen. Ich versuche Worte zu finden. Ein mir sehr wichtiger Weg: Augenblicke werden (im Gedicht) festgehalten, bekommen einen Wert für mich, sind in Worte gegossene Gefühle, die ich später nicht umdenken könnte, denn sie sind in eben dieser Zeit aus einem bestimmten Grund entstanden.
Aber ich habe auch Bilder in mir gefunden, die ein „Alles“ in mir zum Schwingen bringen, sogar bei Begräbnissen, und sind sie noch so traurig. Ich begebe mich hinein in mein Bild und ich kann „überleben“.
Ich sehe die hohen, spitzbögigen Fenster im Kirchenschiff, ich sehe zwar nicht hinaus, aber ich weiß, dass dahinter
Luft, Licht, Raum sind. Ich höre in mir Wind, fühle frische kalte Luft und sehe innerlich Berge, - von oben ein Land, ein weites Land, um mich alles karg und klar. Nur das Wesentlichste. Und meine Kehle wird frei vom Trauerkloß: Ich danke für das Leben, das kurze, das lange, das gewundene, das gerade, das vorsichtige, das gewagte, das geträumte, das gelebte. Ich danke für das Leben
Du bleibst
Wir können nur nach hinten zählen.
Vor uns liegen Tage ohne dich.
Doch tragen wir dich unvergänglich
im Herzen mit dem Jetzt.
Schon das allein ist ein Versprechen,
es spricht von Ewigkeit:
Raum und Zeit vergehen, du jedoch,
du bleibst
im Herzen mit dem Jetzt.
Trauer
Gib der Trauer Flügel
denn da ist kein Boden
vielleicht mit Trauerflügeln
wird irgendwann der Schmerz
gewandelt in Erinnerung
Liedtexte
Diesen Tag, Herr
Diesen Tag, Herr, leg ich zurück in deine Hände,
denn du gabst ihn mir.
Du, Herr, bist doch der Zeiten Ursprung und ihr Ende, ich vertraue dir.
Kommen dunkle Schatten über die Welt,
wenn die Angst zu leben mich plötzlich befällt:
Du machst das Dunkel hell! Diesen Tag, Herr, ...
Heißt es Abschied nehmen, wer kennt die Zeit?
Manchem ist sie nahe, manchem noch weit.
Du bist für immer da! Diesen Tag, Herr,…
Von guten Mächten wunderbar geborgen
(Text von Dietrich Bonhoeffer, ev. Theologe, der im KZ … umgekommen ist)
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben, und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Lass warm und still die Kerzen heut entflammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es ein kann, wieder uns zusammen, wir wissen es, dein Licht scheint in de Nacht.
Von guten Mächten...
aus: Wenn die Traumuhr ein Seil ins Leben spannt
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