Sommernachlese Baltikum

Sommernachlese Baltikum

Eine Reise – drei Länder – das Baltikum

Ein durchwachsener Sommer wird mit einer Reise in den Nordosten Europas, ins Baltikum beschlossen,  – wir haben uns sozusagen auf feuchtwarmes Klima vorbereitet. Welche Freude und Überraschung, dass uns in diesen 10 Tagen dann hauptsächlich hochsommerliches Wetter begleitet! Bei schönem Wetter ist alles gleich viel schöner, besser gesagt, die Schönheiten von Regionen und Städten werden ins parkrechte Licht gerückt. Wir, das sind meine Reisegefährtin Nicole und ich in einer Reisegruppe, die von Reiseführern begleitet wird. Was uns erwartet? Die „Perlen“ an der Ostsee: eine Reise mit den Schwerpunkten Natur und Kultur, – und überraschend viel Freizeit, die wir zwei sehr aktiv nützen.

Litauen

Die Hauptstadt Vilnius wird auf eigene Faust erobert, natürlich ist der „Burgberg“ als angepeilter Aussichtspunkt das erste Ziel. Wir sind nicht die einzigen, es ist Samstag, viele Einheimische und Urlauber pilgern hinauf über die rundgeschliffenen, unwegsamen Bachsteine, die in einem breiten Weg zur Oberen Burg und zu Gediminas Turm führen. Wir werden mit einer wunderbaren Aussicht über eine vielfältige Stadt belohnt, eine Stadt mit Türmen, stadtturmBrücken und modernsten Glasbauten, mit Wohnsilos aus der Sowjetzeit am Horizont und auffallend viel Grün.
Mit unserer Reiseführerin Egle lernen wir die Stadt von der schönsten Seite kennen.
Der Stadtkern ist licht und weit, an touristischen Punkten musizieren Kinder, Bars und Straßencafes laden ein, den Sommer zu genießen. Natürlich ist nicht alles kindeitel Wonne: Wer die Augen offenhält, entdeckt auf Schritt und Tritt
auch die düstere Seite der Geschichte des Landes. Von den Gräueln im KGB-Gefängnis zeugen Namen an der Hauswand, ein Fußabdruck am Fuße des Burgbergs symbolisiert den Anfang der Menschenkette von Vilnius bis Tallinn: die 2,5 Millionen Balten „kämpften“ auf friedliche Weise für ihre Freiheit und Unabhängigkeit vom Sowjetsystem. Plattenbauten mit renovierungsbedürftigen Fassaden lassen ahnen, dass auch drinnen
noch nicht alles zum Besten bestellt ist. Doch im Sonnenschein und in Urlaubsstimmung stehen die Schönheiten und Besonderheiten dieser lichten, freundlichen Stadt im Vordergrund!
BacksteingotikDie Universität besticht mit ihren vielen Bauten und Innenhöfen und der Besonderheit, dass im Sommer Juden aus aller Welt hierher finden, um Jiddisch zu studieren. Die zahlreichen Kirchen (über 50!) in Backsteingotik und Barock beeindrucken mich vor allem außen, das christliche Kreuz auf den Kirchturmspitzen zeigt sich beinahe immer mit heidnischen Symbolen geschmückt, die auf die späte
Christianisierung und auf eine tiefe mystische Naturverbundenheit hinweisen. Die Künstlergasse lädt zum Schauen und Verweilen ein, Künstlergassewie die vielen Plätze, wo auch die Einheimischen den Sommer genießen.
Vilnius darf getrost das Rom des Nordens bezeichnet werden, wir finden spontan 4 Gründe dafür: Stadt auf Hügeln, viele Kirchen, gemütliches Ambiente, viele Bars und Straßencafes. Auch ich habe das Gefühl, mich im Nordosten Europas zu befinden, dabei liegt ganz in der Nähe dieser schönen Stadt der geografische Mittelpunkt Europas!

engelMein Highlight in Vilnius?
Das ist wohl die unabhängige Republik Užupis, die sich in die
Flussbiegung der Vilnia schmiegt, eine bunte, lebendige Künstler- und Freigeisterkolonie mit dem Engel von Užupis als Symbol des Freistaates, mit der 3 Nixen unter der BrückeMeerjungfrau als Schutzpatronin und mit  eigenem Parlament und sehr eigenwilliger Verfassung, – übrigens, man kann dort Ehrenbürger werden!

 

 

trakai wasserburgEine Busfahrt von ca. 40 Minuten bringt uns mitten in einer weiten Seenlandschaft zur Stadt Trakai, die bekannt ist für ihr
Sommerflair, die gotische Wasserburg und die Karäer (oder
Karaimen), ein turksprachiges Volk von der Krim mit ganz besonderen Holzhäusern und der beliebten Spezialität Kibinai, den gefüllten Teigtaschen, die man überall bekommen kann. Wir besuchen wie alle Touristen die imposante Wasserburg, die malerisch in die Seenlandschaft eingebettet liegt. Im Besucherstrom werden wir über den Steg und durch die alten Gemäuer geschleust, anschließend laden am Ufer Cafes zum Verweilen ein. Auf dem Wasser tummeln sich Wassersportler aller Arten.
Ein ganz besonderer Ort, wenn er auch am Sonntag die Assoziation Neuschwanstein (Menschenmengen aus aller Herren Länder) in mir weckt.

Kaunas, die zweitgrößte Stadt Litauens am Zusammenfluss von Memel (Nemunas) und Neris, ist ein weiteres Ziel unseres
Litauenaufenthaltes. AmBusparkplatz besticht ein
überdimensionales Graffiti auf einer Gebäudefront (Streetartproject in city’soldtown ! A wishofgoodluckandwisdomforthecity. Kaunas, graffitiLithuania.), die Festung am Ortseingang beeindruckt uns mit
ihrer Größe und tollen Anlage. Wir umwandern sie, besuchen in der Nähe die St. Georg-Kirche, die einst sehr schön gewesen sein muss, die allerdings zu einer sowjetischen Lagerhalle umfunktioniert worden war und deshalb heute in erbärmlichem Zustand ist. Im Klostergarten steht ein großes heidnisch-christliches Kreuz mit sämtlichen Symbolen, die die spezielle Religiosität in Litauen beschreiben. Das „Donnerhaus“, benannt nach einer figürlichen Darstellung des Donnergottes, die dort gefunden worden ist,-  ist ein auffallendes Backsteingebäude, das zum Komplex des heute sehr modernen Gymnasiums zählt. Die lange Fußgängerzone ist wirklich sehenswert und natürlich die Kathedrale St. Peter und Paul mit ihren riesigen Marmorfiguren und einer wunderschönen goldenen Seitenkapelle. Das auffallende, weiße, weißer schwanbarocke Gebäude ist keine Kirche, es ist das alte Rathaus. Der Turm, weißer Schwan von Kaunas genannt, begrüßt die Brautpaare, die dort das Standesamt betreten. Hier in Kaunas finden sich die meisten Museen Litauens, leider bleibt dafür zu wenig Zeit. Egle nützt nach dem Besuch der Stadt die Zeit der gleichförmigen Fahrt und stellt uns beispielhaft für viele Künstler den bedeutendsten litauischen Komponisten und zugleich Maler Mikolaius Ĉiurlionis vor, dem in Kaunas ein Museum gewidmet ist.

Die schnurgerade Autobahn teilt lichte Wälder (Birken, Weiden, Kiefer), Getreidefelder, die zum Teil schon abgeerntet sind, Wiesen mit den Siloballen, die es inzwischen überall als „Landschaftsschmuck“ gibt. Vereinzelt sieht man Höfe, die Holzbauten stehen recht einsam und in verwittertem Grau in der Landschaft. Wir halten an einer Raststätte, dort versuchen Männer kübelweise Pilze zu verkaufen, die sie auf der Motorhaube präsentieren. Mit diesem Preis erscheinen  uns die Pilze so gut wie geschenkt. Schade, dass ein Bus voll Leute nur Fotografen, nicht aber Käufer sind.

Klaipeda ist unser heutiges Ziel: ein eisfreier Hafen an der Ostsee, drittgrößte Stadt Litauens, ein alter und ein neuer Fährhafen (dort steht das Hotel, außerdem neben einem Verschubbahnhof, das heißt, das Fenster bleibt nächtens zu), ein alter, restaurierter Stadtkern, der am Fluss Dane liegt, mit Blick auf die berühmte Kurische Nehrung.
Wir bummeln durch die Altstadt, – es gibt „Inseln“ mit sehenswerten Fachwerkhäusern und kopfsteingepflasterte schmale Straßen, besuchen das Blacksmith-Museum mit alter windSchmiedeeisenkunst, und stellen dann fest, dass schmiedeeiserne Figuren und Skulpturen im gesamten Ort zu finden sind: Da reitet ein Kaminkehrer am Giebel, dort lädt die Skulptur „Wind“ zum
genaueren Betrachten ein, der gesichtslose Black Ghost klettert aus dem Wasser auf die Uferpromenade und schließlich steht vor dem Theater auf einem weiten Platz am Brunnen das zierliche Ännchen von ännchenTharau in Erinnerung an das gleichnamige Lied, das von einem Sohn Klaipedas, Simon Dach, gedichtet worden ist. („Anke van Thara wöß, de my geföllt, Se öß mihn Lewen, min Goet on mihn Gölt…“) Natürlich singen wir das Lied, allerdings in der heute üblichen Textfassung…
Das Abendessen gibt es am alten Fährhafen, wir kommen am Museumsschiff Meridianas vorbei und beobachten erstaunt, wie zwei (nur!) Männer eine Drehbrücke bewegen, damit Schiffe ins Haff einfahren können.

Ganz besonders freuen wir uns auf den Tag auf der Kurischen Nehrung, die wir per Fähre erreichen. An einem schmalen dünen u meerLandstreifen zwischen Haff und Ostsee steigen wir über die Düne und stehen an einem weitläufigen Sandstrand mit den Wellen der Ostsee, die trotz kühler Temperaturen manche zum Baden einlädt.
Kilometerlang begleiten uns lichte Kiefernwälder, die direkt aus dichtem Moos zu wachsen scheinen, und auch hier gibt es Pilze, die man sogar im Vorbeifahren sieht, bis wir nach Nida gelangen. Dort steht auf einer Anhöhe das Sommerhaus von Thomas Mann mit Blick auf den Strand, den er seine Riviera bezeichnet hat.
Am Strand und vor manchem Haus stehen Stangen mit „Windfahne“, die sogenannten Kurenwimpel. Jeder einzelne ist in
kurenwimpelblauer, weißer, schwarzer und dunkelroter Farbe anders gestaltet und sozusagen die Visitenkarte einer bestimmten Familie. Wir lassen uns in den „Geheimcode“ einführen und wissen schließlich, dass z.B. ein Fischer am Wald nicht weit von der Kirche wohnt, verheiratet ist und zwei Töchter und einen Sohn hat.
Ein Höhepunkt ist der Besuch des Bernsteinmuseums in Nida. Wir nehmen an einem Workshop „Bernsteinschleifen“ teil und nehmen ein kleines Stück handgeschliffenen Bernstein und ein „Certificate“ als Erinnerungsstücke mit.
Der Waldfriedhof, ein ethnografischer Friedhof, etwas abseits der Holzkirche ist sehenswert, da er von der besonderen Bestattungskultur mit Kurenkreuzen (am Fußende des Grabes) ein deutliches Bild gibt.
Ein Aussichtspunkt ist unser nächstes Ziel: Die Parnidis-Düne (Litauische Sahara), die irgendwo im leichten Nieselregen verschwommen an die Grenze von Kaliningrader Gebiet reicht. Der Aussichtspunkt wird von einer künstlerisch gestalteten Sonnenuhr ganz besonderer Art gekrönt, leider ist sie zurzeit nicht voll funktionsfähig, da ein Sturm Schaden angerichtet hat.
Für alle Gehbegeisterten eröffnet sich bei der Rückfahrt ein überraschendes Highlight: der Hexenberg  von Juodkrante (Schwarzort), dem ältesten Dorf der Nehrung. hexenbergSommerworkshops für Holzbildhauer ließen einen wundersamen Waldpfad mit Fabelwesen, Märchen- und Sagengestalten entstehen. Unsere Reiseleiterin Egle klappt ihren Schirm zu und erzählt an einem Skulpturenbaum das Märchen der entführten Egle so eindrucksvoll, dass wir im leichten Nieselregen von ihr in die magische Welt der baltischen Märchen entführt werden.

Am nächsten Tag fahren wir in den Norden Litauens. Da wir beim Ännchen von Tharau schon bewiesen haben, dass wir des Singens mächtig sind, lernen wir ein litauisches Lied. Egle singt alle Strophen, die Reisegruppe ist für den Refrain zuständig. („Eins, zwei, drei, schönes Litauen, wie ein Blümchen blüht es immer.“) Den Busfahrer Roland hat es bestimmt gefreut!

So gelangen wir schließlich nach Ŝiauliai (= Sonnenstadt), die viertgrößte Stadt des Landes „streifen“ wir nur. Wir verabschieden uns von Egle, die uns allen ihr Heimatland Litauen mit viel Wissen und vor allem großer Begeisterung nähergebracht hat. Danke, Egle!

Die lettische Reiseführerin Parsla „erbt“ uns, – eine ausgesprochen pflegeleichte, gemütliche, pünktliche, positive Gruppe.
berg der kreuze2Nach 10km Fahrt gelangen wir zum „Berg der Kreuze“, der die widersprüchlichsten Gefühle in den Besuchern weckt. Ein Hintergrundwissen schadet nicht, bevor man diesen Ort besucht: Der Berg der Kreuze ist KEIN Bestattungsort. Die Ursprünge liegen in archaischen Zeiten, als Mädchen hier das heilige Feuer hüteten. Nach den Bauernaufständen in der Zarenzeit mutierte der Ort zum Gedenkort für Verstorbene, früher gab es solche bei jedem Hof. Holzstelen, Kreuze mit Symbolen bildeten eine Art Familienchronik auf einem Hof. Im Glauben war dies eine wichtige Sache, damit sich die Seelen der Verstorbenen im Seelenmonat November setzen und ausruhen können.
Die Ansammlung unzähliger Kreuze wurde zwar von den Sowjets Anfang der 60er Jahre vernichtet, doch Glaube lässt sich nicht verbieten. Schon bald waren wieder mehr Kreuze als je zuvor an diesem Ort, der zu einem Symbol des Widerstandes wurde. 1975 ging der Berg der Kreuze in die Liste der Kulturdenkmäler ein. Heute ist der Berg ein Pilgerort, ein Wallfahrtsort, ein Besuchermagnet. Verwittert, durcheinandergebeutelt, geschichtet, gestapelt, gehäuft, Kreuze über Kreuze, – der Eindruck ist für mich sehr befremdlich. Aber ich sehe, hinter jedem Kreuz wird wohl eine Geschichte stehen und sei es auch nur, dass das Kreuz im Souvenirladen gekauft wurde, um ein Zeichen in Litauen zu hinterlassen.

Lettland

Unser erstes Ziel in Lettland ist das Schloss Rundale, nicht zu Unrecht Schloss Versailles der Ostsee genannt. Wir schlendern völlig rundale gartenseiteüberwältigt von den Dimensionen und der barocken Pracht durch prunkvolle Räume und Säle (insgesamt gibt es 138!). Das Schloss ist nach einer wechselvollen Geschichte seit 1920 im Besitz des lettischen Staates (Wohnräume, Schule, Kornspeicher) und wird seit 1972 als Museum präsentiert. Es ist wirklich absolut sehenswert. Vor allem der weiße Stuck hat es mir angetan, so fein und zart und detailreich! Der riesige Schlosspark ist wunderschön angelegt und gepflegt. Wir besuchen den Rosengarten mit den vielen Rosensorten, – wie es hier duftet!

Unser nächstes Ziel ist Riga. Die Hauptstadt Lettlands präsentiert riga v obensich schon beim ersten Anblick als Weltstadt mit imposanten Brücken und modernen Bauten. Wir sind nicht weit vom Zentrum nahe der Gertrudiskirche untergebracht und können noch am Abend auf eigene Faust die Stadt erkunden.
sonnenuntergang rigaEin erster absolut lohnender Blick von oben bietet sich uns von der
Skyline Bar im Radisson Blue, im 26. Stock erleben wir den russ orthod Kirche jugendstil3Sonnenuntergang, der die Segelboote auf der Daugava weiß aufblitzen und das Gold der Kuppeln der russisch-orthodoxen Geburtskathedrale in vollem Glanz erstrahlen lässt. Bei einem Drink atmen wir Großstadtflair, – was für eine Stadt! Dann sitzen wir gemütlich auf der Dachterrasse eines Kaufhauses in der Nähe bei einem Happen und freuen uns über den milden Abend.

Eine Führung durch Riga: Was soll man sagen? Im Vordergrund stehen die vielen, vielen wunderschönen Jugendstilbauten (es soll etwa 800 Jugendstilfassaden geben!), jugendstil1die ältesten Häuser der Stadt („Drei Brüder“) im Zentrum, das sicher
meistfotografierte
Motiv Schwarzhäupterhaus, der Dom, das Freiheitsdenkmal mit Mahnwache, die
wunderschönen scharzhäupterplatzParkanlagen…

Und wo spielt sich das Einheimischenleben ab? In großer Dichte am Zentralmarkt, in und um die fünf
ehemaligen Zeppelin-hallen mit Fisch, Fleisch, Obst, fischmarkt2Gemüse und Blumen und allem, was
man für alle Eventualitäten des Lebens brauchen könnte. Ein überaus lebendiges, buntes
Bild!
Mein Eindruck: Riga ist alleine schon eine Reise wert!
Am nächsten Tag verlassen wir diese schöne Stadt und Parsla nützt im Bus die Zeit, die lettische Gesellschaft zu sezieren. Mir bleibt im Gedächtnis, dass sie das Verhalten vieler Landsleute anprangert, die deprimiert von den schwierigen und finanziell mageren Lebensumständen wie gelähmt verharren. „Unter einem liegenden Stein fließt kein Wasser durch“, erklärt die lettische Reiseführerin.
Auf dem Weg liegt das Münchhausen- Museum, hier verbrachte Freiherr Baron von Münchhausen sechs Lebensjahre.
Ich möchte gar nicht immer zuhören, es ist zu schade um die wunderschöne Stimmung, die entlang der Strecke ins Auge fällt: immer wieder Wasser, lichte Nadelwälder, Heidekraut blüht wie lila Wolken zu Füßen der Bäume und schimmert im Sonnenschein. Birken strahlen mit ihrem duftigen Laub und den weißen Stämmen und verstreut schimmert Goldrutengelb, – alles sehr, sehr schön!

Estland

Die Fahrt der Küste entlang führt schnurgerade durch den Wald, endlich schimmert dunkelblau unter dem hellblauen Himmel das Meer des Meerbusens durch.
Mittags treffen wir in Pärnu ein.
moorbad pärnuWir verabschieden die Lettin Parsla, die allen bewiesen hat, dass es tatsächlich wandelnde Lexika gibt.
Ich treffe Tiia, die ich vor acht Jahren hier kennen lernte. Sie spaziert mit mir die Wege, die ich damals im Winter schon gegangen bin. Vorbei, wo ich gewohnt habe, wir trinken Tee in der Villa Ammende und genießen diese geschenkte Stunde.
Ein Bummel durch die kleine, aber sehr heimelige Altstadt, der schöne Park, gepflegte Holzhäuser und das ganz modern ausgebaute Kurhaus von Pärnu, das den einladenden Strand schmückt, beweisen, dass dieser Ort zu Recht als Sommerhauptstadt des galeriecafe pärnuLandes gilt. Hübsche Cafes, die gleichzeitig Galerien sind,… viele wunderschöne Augenblicke, die mir – Zitat Tiia – recht bald wieder Lust auf mehr machen sollen!

Mit der Estin Kyllikki erhalten wir einen Einblick in das Leben der Esten. Auch sie hält nicht hinter dem Berg, dass die Lebensumstände nicht einfach sind. Der Mindestlohn und die Mindestpension sind für uns unvorstellbar gering. Doch Kyllikki stellt die positive Entwicklung von Land und Leuten, deren Einstellung und Wille zu Bildung, die wachsende Wirtschaft, die Vorreiterrolle in Sachen Technologien und die daraus folgernden Zukunftschancen in ein positives Licht. Sie bedauert zwar die schwindende Bevölkerungszahl durch die geringe Geburtenzahl und vor allem die Abwanderung der gebildeten jungen Leute, und stellt fest: Es ist einfach so.
In Virtsu erwarten wir die Fähre und setzen über auf die Insel fähreMuhu und gelangen über einen Damm auf die größte der rund tausend Inseln, Saaremaa. Dichtes Grün und nur wenige Häuser säumen den Weg bis zur Hauptstadt der Insel. In Kuressaare beziehen wir ein einfaches Hotel und rüsten uns für die Fahrt Richtung Kärla, dort wartet auf einem Bauernhof ein landestypisches Abendessen auf uns. Es gibt frisch gepressten Apfelsaft oder Melissesaft, jedoch keinen Alkohol zum Essen, der Bauer ist Baptist. Laut Kyllikki praktizieren viele Katholiken, Protestanten, Griechisch-orthodoxe und Baptisten ihren Glauben in
Verbindung mit dem Gedankengut an beseelte Bäume und Naturgeister. Sie selbst passt für mich ausgezeichnet in das Bild, das sie vom friedlichen estnischen Volk zeichnet.
Wir freuen uns auf eine Saaremaa -Rundfahrt:
kraterEinen Meteoritenkrater haben wir noch nie gesehen. Eigentlich ist das Naturdenkmal in Kaali ein Meteoritenkraterfeld. Wir umwandern das größte Kraterloch, das einen Durchmesser von 110 Metern aufweist und 22 Meter tief ist. Dieses Kraterfeld ist das eindrucksvollste, das man angeblich in ganz Eurasien zu sehen bekommen kann.
Auf einem Hügel bei Karja (= Viehherde) besichtigen wir die Katharinenkirche, einen einfachen, gut 600 Jahre alten Bau ohne katharinenkirche reliefTurm, die Glocke hängt unter dem Giebel. Uralte heidnische Symbole stellen uns Rätsel, besonders eindrucksvoll sind die in Stein gemeißelten biblischen Geschichten (Nikolaus, Katharina von Alexandrien, Jesus und die Schächer).
Natürlich besuchen wir auch die fünf Windmühlen bei Angla, früher gab es 800 auf der Insel. Kyllikki erklärt die Bauweise der Bockwindmühle: Der gesamte Bau bockmühlenkonnte um den Holzpfosten im Wind gedreht werden . Ich wusste nicht, dass zwei unterschiedlich harte Mühlsteine von Vorteil sind. „Zwei harte Steine geben kein gutes Mehl“ (- zwei ausgeprägte, starke Charaktere haben Probleme in der Kommunikation).
Wir fahren durch Kieferwälder, die kräftigsten Bäume nennt man noch heute „Mastbäume“. Die Esten waren (sind) „Waldmenschen“, der Großteil der Menschen lebte am Land. Durch den deutschen Landadel auf den Gutshöfen wurden die Esten gefördert. Es gab „Bauernschulen“, – die Esten waren keine Analphabeten.
Bei Panga gibt es einen herrlichen Aussichtspunkt auf einer der klippenhöchsten Klippen der Insel. Es ist stürmisch, die Gischt sprüht über die Wellen unter uns und wir lehnen uns gegen den Wind. Wir kommen in den Genuss, eine Hochzeitsgesellschaft zu beobachten: Es ist üblich, zu besonderen Lebenszeiten magische Orte aufzusuchen, dazu zählt auch dieser Ort.
In der Nähe von Pidula im Westen der Insel bleibt der Bus im Wald stehen. Wir machen uns auf und wandern ein Stück durch das Gehölz zu einer Quelle. Dort sprudelt eiskaltes Wasser aus einer Grube mit hellem Sand in einem von Wurzeln umgebenen bedienungnatürlichen Becken, – einige schöpfen andächtig daraus.
In Lümanda kehren wir in einem typischen Landgasthof ein, die
Mädchen bedienen in der Landestracht. Die Abendsonne taucht alles in ein sattes Licht. Es herbstelt schon, der große Ahornbaum zeigt schon Farbe, die Schwalben unter dem Giebel müssen sich beeilen ihre Jungen groß zu füttern…
Auch die Stadt Kuressaare hat etwas zu bieten. Wir besichtigen die Bischofsburg mit dem Museum zur Inselgeschichte. Und am Abend
feuerbietet sich uns ein besonderes Highlight auf dem Landsporn vor der
Burg: Hier, – wie an allen Küsten des Baltikums und Skandinaviens, wird ein riesiges Feuer
entzündet, angeblich wird damit
der Sommer verabschiedet.

Auf dem Festland ist der wunderbare Gutshof Vihula im Nationalpark Lahemaa unser Ziel. Auf der Fahrt dorthin machen wir kurz Halt beim Gutshof Palmse, der wie ein Schloss in palmseder Landschaft liegt. Eine Kutsche dreht im Park vor dem Gut mit Touristen Runden. Hinter dem Gutshof spazieren wir am großen Teich mit Pavillon.
Am Gutshof Sagadi fahren wir langsam vorbei und schon bald entdecken wir die weiße Mühle, die am Eingang zur Allee von Vihula schon von weitem zu sehen ist. Vihula ist ein weitläufiger Gebäudekomplex, ausgebaut für Feiern, Feste, Konferenzen und Gäste, die nicht nur die ausgezeichnete Küche sondern auch das lauschige Ambiente genießen können. Für uns trifft das leider rundlingeweniger zu, denn es regnet. Die 4km lange Wanderung zum Strand ist trotzdem möglich. Große Rundlinge, von eiszeitlichen Gletschern
hier abgelegt, säumen den Strand und dümpeln im seichten Wasser.
Eine besondere Freude ist mir der Besuch meiner ehemaligen anne üloGastgeberin Anne aus Mustla im Süden des Landes. Sie ist mit ihrem Mann Ülo extra angereist und wir
verbringen einige Stunden in intensiven Gesprächen und mit der Erkundung der Umgebung. So besucht auch sie nach Jahren wieder einmal Vergi und Vŏsu. Zu schade, dass es so arg regnet! Bei der Rückfahrt nach Vihula geraten wir unverhofft ins
Visier der Kamera zu Aufnahmen eines historischen Filmes beim Gutshof Sagadi. Wir amüsieren uns köstlich und beobachten das Treiben. Leider vergehen die Stunden viel zu schnell! Wir müssen Abschied nehmen und es wird mir schwer ums Herz.

Das letzte gemeinsame Abendessen (köstlich!) der Reisegruppe, hier auf diesem Schloss, ist für uns die Ankündigung, dass sich die Reise dem Ende zu neigt. Am nächsten Tag fahren wir in die Hauptstadt Tallinn. tallinn ausblickWir sind in einem Hotel am Hafen untergebracht, der Weg
in die Altstadt ist nicht allzu weit. Zur ersten Erkundung der Stadt bringt uns der Bus ins Zentrum. Viele andere Busse sind ebenfalls im Einsatz, und aus allen strömen Touristen, – die Kreuzfahrtreisenden schnuppern für ein paar Stunden in die Stadt! (fünf Schiffe liegen vor Anker, jedes ca. 2500 Reisende…)
Ich habe das Glück, dass Tiia nach Tallinn gefahren ist, um mir diese Stadt aus ihrem Blickwinkel zu zeigen. Wir genießen nach dem Besuch der riesigen Alexander-Newski-Kathedrale die Schönheiten in einer Künstlergalerie, spazieren durch Gässchen und holen uns ein Ticket für das Museum in der St. Nikolaus-Kirche. Dort befindet sich der berühmte Totentanz des Lübecker Meisters Bernt Notke. Dieses Thema begleitete Künstler wohl in vielen Regionen, – vor vier musikJahren haben wir diese Art Malerei im Lechtal bestaunt. Und dann erleben wir einen überraschenden Kunstgenuss: Ein Trio in mittelalterlichen Gewändern spielt für die zufällig anwesenden Besucher ein hervorragend kommentiertes (Englisch) kleines Konzert auf historischen Instrumenten. Ich bin total begeistert!
Am Nachmittag treffen wir wieder Nicole, die davon berichtet, wie die Menschenströme mit aufgespannten Regenschirmen von einem tallinn gassentouristischen Höhepunkt zum nächsten geschoben wurden. Wir beschließen eine Kaffeepause einzulegen und währenddessen lichten sich die Gassen. Wir bummeln durch die Gassen und an der
Stadtmauer entlang und begleiten Tiia noch zum Busbahnhof, wir müssen leider Abschied nehmen, sie tritt die Fahrt nach Pärnu an.
Am späten Nachmittag regnet es nicht mehr und wir klettern über 200 Stufen den Turm der Olafkirche hinauf. Von dort gibt es eine tallinn jugendhervorragende Aussicht auf die Stadt. Am frühen Abend klart der
Himmel sogar auf und am Dach der ehemaligen Stadthalle (ein Sowjetbau) am Hafen genießen wir wie etliche einheimische Jugendliche den Sonnenuntergang.
Den letzten Halbtag, bevor es zum Flughafen geht, versuchen wir vor den vielen Touristen noch einmal ein paar Motive im Sonnenschein zu knipsen.
rathausDas gelingt uns auch! Heute bieten Händler unter einheitlichen hellen Schirmen auf dem Platz vor dem
Rathaus ihre typischen estnischen Waren für Touristen an. Man kann das sehen wie man will, – der belebte Platz vor dem imposanten gotischen Rathausgebäude strahlt Gemütlichkeit aus und ist ein
wunderschönes Bild, das wir als Letztes von dieser Erkundungsreise im Baltikum mitnehmen.

nicoleEine absolut gelungene und empfehlenswerte Reise!!
Ich werde 2016 immer mit dem Baltikum, der Schönheit dieser
Regionen und den Begegnungen in Erinnerung behalten.

Danke, Nicole, du warst eine wunderbare Reisefreundin!

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